(…) Edgar Reitz hat es gewagt, was so viele seiner Kollegen auch wollten und sich nicht trauten, nämlich in die „Mitte der Welt“ zu gehen (so heißt übrigens ein Kapitel seines Epos).

Und damit ist ihm gelungen, was nach 20 Jahren Neuer deutscher Film noch ausstand: dessen Summe, dessen Requiem. HEIMAT dürfte für den Neuen deutschen Film das werden, was „Die Blechtrommel“ für die deutsche Nachkriegsliteratur geworden ist

(…) Im Zentrum stehen nicht die historischen Daten, sondern die Erzählzeit (ein hineinsaugender Rhythmus, der die reale Zeit fast aufhebt) und die Erzählsprache (ein bodenständiger Dialekt, der seine eigene Intelligenz entwickelt und resistent macht gegen alle Ideologien). Es ist diese Sprache, die den Film über diese unglaublich lange Zeit in einer geradezu schlafwandlerischen Balance hält, ihn zum Ereignis macht. Pathos und Humor, Liebe und Trauer, Schlitzohrigkeit und Opportunismus, kurz die unterschiedlichsten Stimmungen werden durch sie amalgamiert, die Differenzen auf kleinstem Raum zusammengepreßt. Der Zuschauer weiß am Ende nicht mehr, warum er dauernd feuchte Augen hat – ob vor Rührung, vor Lachen oder vor Trauer.
(…) Von den vielen großartigen Einzelleistungen – die Kürze bedingt Ungerechtigkeit – sollen hier wenigstens einige herausgegriffen sein: Marita Breuer müßte bei ihrem Gefühl für Kinopräsenz die Schauspielerentdeckung des Jahres werden; Heidi Handorf hat mit präzis pfiffigem Schnitt das immense Material hervorragend organisiert, und Gernot Roll an der Kamera hat ein Gefühl für die widersprüchlichsten Stimmungen, das ihn wohl schlagartig in der Branche bekannt machen wird.
Peter Buchka in SÜDDEUTSCHE ZEITUNG Nr. 151, 3.7.1984