Wenn ein Wort plötzlich in aller Munde ist, tauchen neben den Missverständnissen auch allerlei Wortspiele auf. So könnte man zur Zeit von einem Reitz-Klima sprechen, das nach dem Abschluss der elfteiligen HEIMAT-Serie des Regisseurs und Autors Edgar Reitz entstanden ist.

Ein schillernder, emotional besetzter Begriff wird von neuem hin-und hergewendet, teils ratlos, teils affektgeladen. (…) Der unerwartete Erfolg des Einzelgängers Edgar Reitz hängt auch damit zusammen, daß er in seinem Hunsrück-Dorf keinerlei verlogene Romantik aufkommen ließ, weil er mit oder ohne Brecht wußte, daß „das Volk nicht tümlich“ ist. So wurde sein Generationen-Epos mit dem erratischen Block Made in Germany zum Gegenteil eines Heimatfilms alter Art – das Hunsrück-Platt als Kontrastprogramm zur Dialektschmonzette. Diese TV-Überraschung, vor der Millionen von Zuschauer an elf Abenden (fast) unverdrossen ausharrten, hat einen Nerv getroffen. Das Bedürfnis nach irgendeiner Geborgenheit ist nicht zu verkennen, aber schon zeigt sich ein eher rührendes Mißverständnis: Jene Touristen, die jetzt den Hunsrück überrennen und vergeblich nach Schabbach suchen, haben die Geschichte nicht begriffen. Heimat als Utopie ist, schon dem Wortsinn nach, nicht an einen Ort gebunden.

 

Streiflicht in: SUEDDEUTSCHE ZEITUNG, 27./28.10.1984